Samstag, 23. März 2013

Surfen auf Wellen des Glücks


Bayron Bay ist DAS Surferparadies. Noch nicht in der Stadt angekommen reihen sich links und rechts der stark befahrenen Strasse Shops auf, die alles rund ums Surfen, Paddeln, Bodyboarden, etc. vermieten. Fährt man dann in die Stadt verzehnfacht sich die Dichte der Shops, wobei sich diese den Platz mit naturbewussten Bioläden, unzähligen Boutiquen und schicken Restaurants und Kaffees teilen.
Ein reges Tun erfüllte die kleine etwas grössere Stadt. Schwärme von Jung, Alt, Klein und Gross tummelten sich überall in der Bucht und alle wollten eins: Surfen. Oder zumindest dabei zusehen. Toby schien im Himmel angekommen zu sein. Endlich unter seinesgleichen ging es sofort an den Strand. Wohin das Auge rechte, alles voller Wellenreiter auf der Lauer nach einer ungestümen Welle, die es zu bändigen galt. Da wurde auf einer Distanz von wenigen Metern um die Welle gestritten wie bei einem Lanzentournier, nur dass sie nicht aufeinander zu ritten, sondern in dieselbe Richtung. Naja, Lanzen hatten sie natürlich auch keine dabei… Jedenfalls gewann der Stärkere das Rennen und durfte auf der Welle, SEINER Welle, seine einstudierten Kapriolen der glotzenden Menge präsentieren.
Unser erster Tag in Bayron Bay beschränkte sich auf einen kleinen Stadtbummel, da es erstens schon gegen Abend war und zweitens regnete. Aber einen kleinen Surfgang konnte ich Toby nicht verwehren, also ging es trotz allem noch zum Strand. Kaum angekommen war Toby in den Wellen verschwunden. Und es begann aus Kübeln zu giessen. Viel mehr blieb mir nicht übrig als das Bedetuch über den Kopf zu ziehen und zu warten bis das Schlimmste vorüber war. Wäre ich zum Auto zurück gelaufen, dass am anderen Ende des Strandes warm und wetterfest auf mich wartete, hätte man mich auswringen können, also versuchte ich einfach, mich so wenig wie möglich zu bewegen, während der Regen auf mich einschlug. Toby war ja schon nass, da machte der Regen nicht mehr viel aus. Nach dieser kleinen… Erfrischungen machten uns bald zu dem relativ nahegelegenen Rastplatz, der für die nächsten Tage unser Zuhause sein sollte (mit Unterbrechung). Am nächsten Tag machten wir uns auf, um uns eine Welle zu schnappen. Ich sollte wohl sagen, um Toby eine Welle zu schnappen, denn ich war gesundheitlich ausser Gefecht gesetzt worden und blieb so am Rande des Geschehens auf dem einzigen mehr oder weniger Wasserfreien Stückchen Strand sitzen, den ich finden konnte. Es war Flut. Aber die Badetücher waren sowieso noch nass vom Vortag, wodurch der nasse Boden kaum auffiel. Toby ward vom Meer verschluckt und ich gab mich meinen Büchern hin.
Wir beschlossen, am nächsten Tag dem Rat einer Freundin zu folgen und nach Nimbin zu fahren. Kurz im Lonely Planet schlau gemacht, hörte sich das alles sehr witzig an. Nimbin sei ein berauschendes Erlebnis (gute Wortwahl!), das man sich nicht entgehen lassen dürfe. Man solle sich ein, zwei Tage Zeit lassen, denn es gäbe Künstler, New-Age-Flair und freundliche Leute zu entdecken.
Die Information dass wir nach Nimbin fahren drang zu meiner Mutter durch, die natürlich gleich mal den Fortschritt der Zeit nutzte und googelte. Was ich da zu Ohren bekam… Aber wir waren schon auf unserer Spritztour quer durch den Nationalpark, dessen zentraler Punkt ein Berg Namens Jerusalem war.
Die Strasse war alles andere als eine Strasse und glich einer Mondlandschaft. Und wer sich das nicht vorstellen kann, dem sei gesagt, es holpert ganz schön. Ein Achtung hier, ein Achtung da und eine sorgenvoll festgekrallte Vero im Auto. Meine Besorgnis um unsere gute alte Gertrud* und ihre Achsen war riesengross. Sollte sie das wirklich schaffen, so versprachen wir ihr, bekommt sie eine neue Tankfüllung und eine Ladung Öl oberdrauf. Wir feuerten sie an, tätschelten sie von Zeit zu Zeit und redeten ihr gut bei. Und unsere Gertrud*, das alte Haus, liess uns nicht im Stich! Hier muss mal erwähnt werden, welche gute Dienste uns unsere Gertrud* leistet und das in ihrem betagten Alter!
Von der wunderschönen Buschlandschaft bekamen wir zwar nur wenig und nur am Rande mit, denn wir waren reichlich beschäftigt jedem Meteoriteneinschlag auszuweichen, trotzdem bemerkten wir sie und mussten zugestehen, dass es den Weg wert war, den wir eingeschlagen haben. Wir hätten natürlich einen anderen Weg fahren können, auf einer geteerten Strasse, aber wo bliebe dann der Spass? Ausserdem sieht man nichts von der Landschaft. Australien kann man eben nicht auf den Highways sehen, sondern muss die kleinen Strässchen und langen Dirtroads suchen, die durch Wald, Busch und am Meer entlang führen.
Und plötzlich waren wir in Nimbin. Dem alternativen Zentrum für Aussteiger, Rastaman, Hippies und Wochenendtouristen. Sogleich umgab uns eine bunte Szenerie. Die Wände und Aushängeschilder der Geschäfte waren mit tollen Riesenmalereien gefärbt und auf der Strasse hörte man chillige Reggaetöne. Die Luft war erfüllt von tausend Düften der dampfenden Räucherstäbchen, die einem Geist und Sinne benebeln und die Leute lebten in den Tag hinein, indem sie in einem der Kaffees oder einfach irgendwo auf der Strasse sassen und an ihrer Zigarette oder Heissgetränk nuckelten. Alle Leute waren äusserst freundlich und viele fragten aufgeregt: „Hey! Pst, pst… Are you ok?“ Vor allem in den Seitengassen waren die Leute sehr besorgt um unser Wohlergehen. Sogar die Kaffeetante im Museum, das übrigens echt schräg ist, war nicht nur um unsere Kaffeejunkie-Bedürfnisse besorgt. Ein alter Mann, der tolle, abgespacete Bilder zeichnete, die irgendwie an Yoda und seine Artgenossen erinnerten, war sogar so freundlich uns von seinen Cookies anzubieten. Wir hatten aber gerade erst gegessen, warum wir auch dankend ablehnten. Wirklich sehr nette Leute in Nimbin!
Wir waren ok aber etwas verwirrt und trotzdem stark beeindruckt von dem Museum, dass ein Haufen Überbleibsel, Zeitungsartikel, Fotoschnippsel, Totenköpfe von Tieren und mancherlei Kuriositäten enthielt, die allesamt kreuz und quer aufgetürmt (und das ist wörtlich zu nehmen) langsam aber sicher verstaubten. Das Museum zeigte die Entwicklung der bunten Stadt, von den Aborigines über die Kolonialisierung, das Aquarisfestival von 1973 und das alljährliche Madigasfestival ins Hier und Jetzt. Ein verschlungener Weg führe durch 4 oder 5 Räume, die als solche nicht mehr zu erkennen waren. Einige glichen Abstellhallen, andere erinnerten an gruselige Gruften, in denen Parolen von Liebe, Glückseeligkeit und freiem Handel in alten Kastenfernsehen liefen. Echt von einem anderen Stern… Leuten, die gerade in anderen Hemisphären schweben, raten wir ab, das Museum zu besuchen, da ein Aufenthalt zu langanhaltenden panischen Angstzustände und Verfolgungswahn führen kann.
Alternativ, das ist das richtige Wort für Nimbin. Die Leute sind alternativ, die ganze Aufmachung ist alternativ und sogar die Kräuter sind alternativ. Leider müssen wir auch zugeben, dass viele traurige Gestalten, die sich nicht nur ein Kraut zu Gemüte geführt haben,  in Nimbin leben, gezeichnet von ihren nicht enden wollenden wilden Jahren. Das ist wohl die Kehrseite der Medaille…
Einmal mehr mussten wir feststellen, dass der Lonely Planet ein Lonely Liar ist. Wir konnten nicht länger als einen Nachmittag in Nimbin bleiben, denn die kleinen Shops hatten wir allesamt abgeklappert und viel mehr gibt es in Nimbin einfach nicht zu sehen. Also beschlossen wir, uns in dem nahegelegenen Nationalpark einen gemütlichen Abend mit Korma und selbstgebackenen Ciabatti zu machen.
Am nächsten Tag besuchten wir den Wasserfall des Parks und hatten eigentlich vor bis zum Fuss des Wasserfalls zu wandern, allerdings war der kurze Trak geschlossen und der längere hätte 4 Stunden pro Weg gedauert… das war uns dann doch zu lange. Also fuhren wir wieder Richtung Bayron Bay, durch den Nationalpark hindurch und ich fühlte mich wie auf Safari. Unsere Gertrud* holperte über Stock und Stein und wir wurden hin und her geschüttelt, während der Busch vor dem Fenster an uns vorüberzog, mit seinen tausenden und abertausenden von (Krabbel)-Tieren.
Nochmals zwei Tage Bayron Bay, die durchzogen wurden von Regenschauern. Das reichte uns dann auch und wir beschlossen langsam aber sicher den Rückweg nach Sydney anzutreten.

(*richtiger Name der Redaktion bekannt)



















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